- 1 Section
- 11 Lessons
- unbegrenzt
- Angebotsvergleich & Beschaffung11
- 1.1Beschaffungsprozess von A bis Z
- 1.2Lastenheft und Pflichtenheft
- 1.3Angebote einholen und strukturieren
- 1.4Quantitativer Angebotsvergleich
- 1.5Qualitativer Angebotsvergleich
- 1.6Marktgängige IT-Systeme bewerten
- 1.7Barrierefreiheit bei IT-Systemen (BITV, WCAG)
- 1.8Make-or-Buy-Entscheidung
- 1.9Lieferantenauswahl und -bewertung
- 1.10Lizenzmodelle im Überblick
- 1.11IHK-Aufgaben Angebotsvergleich
Lieferantenauswahl und -bewertung
Der beste Preis nützt nichts, wenn der Lieferant nicht zuverlässig liefert. Ein Unternehmen, das einmal einen wichtigen Auftrag wegen eines Lieferverzugs verloren hat, denkt darüber nach. Lieferantenauswahl und -bewertung ist deshalb kein einmaliges Ereignis beim ersten Kauf, sondern ein dauerhafter Prozess: Neue Lieferanten werden sorgfältig geprüft, bestehende Lieferanten werden regelmäßig bewertet – und bei schlechter Performance gegebenenfalls ersetzt.
1) Lieferantenauswahl: Wer kommt überhaupt in Frage?
Vor dem eigentlichen Vergleich steht die Vorqualifikation: Wer erfüllt die Mindestanforderungen, um überhaupt als Lieferant in Betracht zu kommen? Diese Phase reduziert die Kandidatenliste auf die wirklich geeigneten Anbieter – und spart damit Zeit im aufwändigen Vergleichsprozess.
| Kriterium | Was geprüft wird | Quellen |
|---|---|---|
| Finanzielle Stabilität | Ist der Lieferant wirtschaftlich solide? Insolvenzrisiko? | Handelsregister, Creditreform, Jahresabschlüsse |
| Referenzen | Hat er vergleichbare Aufträge erfolgreich abgewickelt? | Referenzlisten, Kundengespräche |
| Zertifizierungen | ISO 9001, ISO 27001, branchenspezifische Zertifikate | Zertifikatsdokumente |
| Kapazität | Kann er die Menge in der benötigten Zeit liefern? | Angebotsanfrage, Audit |
| Geografische Lage | Lieferzeit, Risiko bei Lieferkettenproblemen | Stammdaten, Risikoanalyse |
2) Lieferantenbewertung: Scorecard und Ampelsystem
Nach dem ersten Kauf endet die Bewertung nicht – sie beginnt erst richtig. Regelmäßige Lieferantenbewertungen (oft vierteljährlich oder jährlich) messen die tatsächliche Performance und ermöglichen eine faktenbasierte Entscheidung über die Fortsetzung oder Beendigung der Geschäftsbeziehung. Das folgende Beispiel zeigt eine typische Lieferanten-Scorecard für drei IT-Lieferanten.
| Kriterium | Gewicht | Lieferant A | Lieferant B | Lieferant C |
|---|---|---|---|---|
| Termintreue | 30 % | 98 % → 2,94 | 85 % → 2,55 | 71 % → 2,13 |
| Lieferqualität (Mängelquote) | 25 % | 0,5 % → 1,25 | 1,2 % → 1,20 | 4,8 % → 0,50 |
| Preiszuverlässigkeit | 20 % | Kein Aufschlag → 1,00 | +3 % → 0,80 | Stabil → 1,00 |
| Reaktionszeit bei Problemen | 15 % | <2 h → 0,75 | <4 h → 0,68 | >24 h → 0,30 |
| Kommunikation & Transparenz | 10 % | Proaktiv → 0,50 | Ausreichend → 0,35 | Reaktiv → 0,20 |
| Gesamtpunktzahl | 100 % | 6,44 / 5,00 → A | 5,58 → B | 4,13 → C |
Bewertungsformel: Messwert × Gewicht. Für jedes Kriterium wird eine Skala definiert (z.B. Termintreue: 100 % = 5 Punkte, 90 % = 4 Punkte, usw.).
3) Lieferantenmanagement als fortlaufender Prozess
Lieferantenbewertung ist keine Einbahnstraße. Gute Lieferanten erhalten Feedback zu ihrer guten Performance – das stärkt die Partnerschaft. Lieferanten mit Schwächen erhalten konkrete Verbesserungsziele. Und Lieferanten, die dauerhaft unter der Mindestperformance bleiben, werden durch bessere Alternativen ersetzt.
Ein strukturiertes Lieferantenmanagement enthält typischerweise: ein Lieferantenverzeichnis (Stammdaten, Kategorien, Bewertungshistorie), eine Scorecard-Methodik (regelmäßige Messung der definierten KPIs), einen Eskalationsprozess (ab welchen Schwellenwerten wird wie reagiert?) und eine Risikobewertung (wie kritisch ist der Lieferant für den Betrieb – gibt es Alternativen?). In ITIL-geführten IT-Betrieben ist das Supplier Management ein eigenständiger Prozess. Mehr dazu in ITIL & Service Management.
Zusammenfassung
Die Lieferantenauswahl prüft zunächst Mindestanforderungen: finanzielle Stabilität, Referenzen, Zertifizierungen, Kapazität. Die Lieferantenbewertung misst die laufende Performance anhand einer Scorecard mit gewichteten Kriterien (Termintreue, Qualität, Preis, Reaktionszeit, Kommunikation). Das Ergebnis ist ein Ampelsystem und ein Gesamtscore, der Handlungsentscheidungen fundiert. Lieferantenmanagement ist ein fortlaufender Prozess – mit Feedback, Verbesserungszielen und bei Bedarf Lieferantenwechsel. Die Methodik entspricht der Nutzwertanalyse und ergänzt den qualitativen Angebotsvergleich.
