- 1 Section
- 10 Lessons
- unbegrenzt
- Gehalt & Sozialversicherung10
- 1.1Brutto und Netto
- 1.2Die 5 Säulen der Sozialversicherung
- 1.3Beitragssätze und BBG
- 1.4Lohnsteuer: Steuerklassen und Freibeträge
- 1.5Kirchensteuer und Solidaritätszuschlag
- 1.6Lohnabrechnung lesen und erklären
- 1.7VL und betriebliche Altersvorsorge
- 1.8Tarifgehalt, Mindestlohn, übertariflich
- 1.9Gehaltsverhandlung
- 1.10Aufgaben Entgeltabrechnung
VL und betriebliche Altersvorsorge
In L2 wurde es schon erwähnt: die gesetzliche Rente allein wird nicht reichen, um deinen Lebensstandard im Alter zu halten. Daher gibt's das Drei-Säulen-Modell der Altersvorsorge. Diese Lektion behandelt die wichtigen Zusatzbausteine: die vermögenswirksamen Leistungen (VL) und die betriebliche Altersvorsorge (bAV).
Beide werden teilweise vom Arbeitgeber gefördert – also „kostenloses Geld" für dich, wenn du mitmachst. Trotzdem nutzen erstaunlich viele Beschäftigte diese Möglichkeiten nicht. Hier lernst du, wie es funktioniert, was es bringt und wo Fallstricke lauern.
1) Das Drei-Säulen-Modell der Altersvorsorge
Deutschland hat ein offizielles Drei-Säulen-Modell für die Altersvorsorge. Es ist nicht zu verwechseln mit den fünf Säulen der Sozialversicherung (siehe L2):
2) Was sind vermögenswirksame Leistungen (VL)?
Die vermögenswirksamen Leistungen (VL) sind eine staatlich geförderte Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand. Konzept seit 1961:
- Der Arbeitgeber zahlt einen monatlichen Zuschuss (typisch 6,65–40 €/Monat) auf einen speziellen Sparvertrag
- Der Arbeitnehmer kann aus dem eigenen Nettogehalt aufstocken bis maximal 40 €/Monat
- Bei geringen Einkommen gibt's eine staatliche Arbeitnehmer-Sparzulage
- Sperrfrist: meist 7 Jahre (manchmal länger)
- Wer keinen VL-Zuschuss vom AG nutzt, lässt sich Geld entgehen
VL sind nicht direkt Altersvorsorge, aber ein wichtiger Baustein der Vermögensbildung. Sie können in einen Banksparplan, in Bausparen, oder in Aktienfonds fließen. Aktienfonds-VL bieten oft die beste Rendite.
3) VL-Anlagearten
Das VL-Geld kann in verschiedene Anlageformen fließen – je nach Risiko und Förderung:
4) VL-Berechnungsbeispiel
Wie funktioniert das konkret? Schauen wir uns einen typischen Fall an:
5) Wie bekommst du einen VL-Vertrag?
Der Weg ist einfach:
- Anrecht prüfen: hast du laut Tarifvertrag/Arbeitsvertrag Anspruch auf VL-Zuschuss? Bei vielen Branchen ja (Metall, ÖD, Banken etc.)
- Anbieter wählen: Bank, Fondsgesellschaft oder Bausparkasse. Achte auf niedrige Kosten! ETF-Sparpläne sind günstig.
- Vertrag abschließen: VL-fähigen Sparvertrag mit Sperrfrist 7 Jahre. Anbieter gibt dir eine VL-Empfangsbescheinigung.
- An Arbeitgeber weitergeben: HR/Lohnabteilung anweisen, den AG-Zuschuss direkt auf dieses Konto zu zahlen.
- Optional: zusätzlich aus Netto aufstocken (bis 40 €/Monat sinnvoll für Sparzulage)
- Bei Jobwechsel: Vertrag bleibt, neuer AG zahlt drauf. Mehrere Verträge möglich.
6) Was ist betriebliche Altersvorsorge (bAV)?
Die betriebliche Altersvorsorge (bAV) ist die zweite Säule der Altersvorsorge: Vorsorge, die über den Arbeitgeber läuft. Der Vorteil: Beiträge gehen aus dem Brutto, sparen Steuern und Sozialabgaben.
Seit dem Betriebsrentenstärkungsgesetz (2018) hat jeder Arbeitnehmer einen Rechtsanspruch auf bAV via Entgeltumwandlung. Auch wenn dein AG es nicht bewirbt – du kannst es einfordern. Zusätzlich: AG muss seit 2022 mindestens 15% Zuschuss geben (für neue Verträge).
Funktionsweise vereinfacht:
- Du wandelst einen Teil deines Bruttogehalts in eine Versicherung um (typ. 50-200 €/Monat)
- Dieser Teil ist steuer- und SV-frei bei Einzahlung (bis bestimmte Grenzen)
- Im Alter zahlt die Versicherung dir eine zusätzliche Rente oder Einmalauszahlung
- Bei Auszahlung im Alter: Steuern und KV/PV-Beiträge fällig (nachgelagerte Besteuerung)
7) Die fünf Durchführungswege der bAV
Die bAV kann auf fünf verschiedenen Wegen organisiert werden. Welcher gewählt wird, hängt vom Arbeitgeber ab:
8) Steuer- und SV-Vorteile der bAV
Der Hauptvorteil der bAV ist die steuerliche Behandlung in der Einzahlphase. Beiträge können steuer- und SV-frei eingezahlt werden – bis zu bestimmten Grenzen:
| Förderung | Grenze 2026 | Steuer | Sozialversicherung |
|---|---|---|---|
| § 3 Nr. 63 EStG | bis 8% BBG RV (= 8.112 €/Jahr) | steuerfrei | SV-frei bis 4% BBG (= 4.056 €/Jahr) |
| Pauschalbesteuerung § 40b | bis 1.752 €/Jahr (Altverträge) | 20% Pauschalsteuer (AG zahlt) | SV-pflichtig |
| Direktzusage / U-Kasse | unbegrenzt steuerfrei | steuerfrei | SV-frei bis 4% BBG |
Beispiel: du wandelst 200 €/Monat = 2.400 €/Jahr in eine Direktversicherung um. Diese 2.400 € sind steuerfrei und SV-frei (unter den Grenzen). Bei einem Grenzsteuersatz von 30% und 20% SV-Anteil sparst du sofort 50% – effektiv kosten dich die 200 € Brutto-Beitrag nur 100 € Netto.
9) Nachgelagerte Besteuerung
Der Haken: bei der bAV gilt nachgelagerte Besteuerung – die Steuer wird also nicht erlassen, sondern verschoben:
- Einzahlung: steuer- und SV-frei (Vorteil heute)
- Auszahlung im Alter: voll steuer- und KV/PV-pflichtig (Nachteil im Alter)
Ob das vorteilhaft ist, hängt vom Vergleich der Steuersätze ab:
- Wenn du heute hohen Steuersatz hast (z.B. 42%) und im Alter niedrigeren (z.B. 25%) → klarer Vorteil
- Wenn du heute niedrigen Steuersatz (z.B. 20%) und im Alter ähnlichen hast → kaum Vorteil, evtl. sogar Nachteil durch SV bei Auszahlung
Außerdem zahlst du im Alter volle KV/PV-Beiträge auf die bAV (für gesetzlich Versicherte), das sind etwa 17-19% Abzug! Bei Direktversicherung und einer Auszahlung > Mindestfreibetrag kann das die Steuerersparnis von heute wieder auffressen.
10) bAV: Vor- und Nachteile
Die Entscheidung für oder gegen die bAV ist nicht trivial. Hier die Pros und Contras:
- Sofortige Steuer- und SV-Ersparnis
- AG-Zuschuss (15-50%, manchmal mehr)
- Insolvenzschutz durch PSVaG
- Bei Jobwechsel oft mitnehmbar (Direktversicherung)
- Rechtsanspruch (§ 1a BetrAVG)
- Bei hohem Steuersatz besonders attraktiv
- Automatische Vorsorge ohne Aktiv-Sein
- Nachgelagerte Besteuerung (Steuern im Alter)
- Volle KV/PV-Beiträge bei Auszahlung (~17-19%)
- Reduzierte gesetzliche Rente (weniger eingezahlt)
- Versicherungs-Kosten (oft 1-3% jährlich)
- Geringe Flexibilität (Geld nicht verfügbar)
- Ohne AG-Zuschuss oft schlechter als private ETFs
- Komplexe Vertragsbedingungen
11) Was passiert bei Jobwechsel?
Eine wichtige praktische Frage: was passiert mit deiner bAV, wenn du den Job wechselst?
- Direktversicherung: einfach mitnehmen, der neue AG kann weiter einzahlen, oder du selbst zahlst privat ein
- Pensionskasse: meist mitnehmbar, eventuell mit Wechsel zur Kasse des neuen AGs
- Pensionsfonds: ähnlich der Pensionskasse
- Unterstützungskasse: oft schwierig zu übertragen
- Direktzusage: praktisch nicht mitnehmbar, du bekommst dann später eine reduzierte Rente
Wichtig zu wissen: bei Jobwechsel bleiben deine angesparten Ansprüche erhalten (sind unverfallbar nach 3 Jahren, ab 2018 ab dem 21. Lebensjahr). Du verlierst das Geld nicht – die Auszahlung erfolgt später bei Rentenbeginn.
12) Riester und Rürup als Alternativen
Zur dritten Säule (private Altersvorsorge) gehören noch zwei staatlich geförderte Produkte:
- Riester-Rente: für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Bis 175 € jährliche Grundzulage + 300 € Kinderzulage pro Kind. Vor allem bei niedrigem Einkommen und mit Kindern lohnenswert; sonst oft kostenintensiv.
- Rürup-Rente (Basisrente): für Selbstständige. Bei Einzahlung steuerlich absetzbar, nachgelagerte Besteuerung, Auszahlung nur als monatliche Rente (kein Kapitalauszahlung).
13) Empfehlungen für die Praxis
Was solltest du als Arbeitnehmer tun? Praktische Tipps:
- VL nutzen: wenn der AG zahlt, immer nehmen. Praktisch kostenlos.
- bAV prüfen: bei AG-Zuschuss ab 15-30% i.d.R. sinnvoll. Vergleichen mit privater Vorsorge.
- ETF-Sparplan: ein zusätzlicher monatlicher Sparplan in einen kostengünstigen ETF (z.B. MSCI World, S&P 500). Bei langem Anlagehorizont oft die beste Variante.
- Riester kritisch prüfen: nur wenn maximale staatliche Förderung möglich (Kinder, niedriges Einkommen)
- Eigenheim als Altersvorsorge: Hauskauf reduziert spätere Wohnkosten – eigene Form der Altersvorsorge
- Frühzeitig anfangen: Zinseszinseffekt ist mächtig. 30 Jahre Sparen vs. 20 Jahre Sparen ergibt riesige Unterschiede
- Unabhängige Beratung: Honorarberater, kein Provisionsverkauf
14) Was bedeutet das für deinen Lohnzettel?
Konkret auf der Lohnabrechnung siehst du folgende Positionen, die mit VL/bAV zu tun haben:
- VL-Zuschuss AG: erscheint als Brutto-Bezug, geht aber direkt aufs Sparkonto. Beeinflusst dein Brutto, aber nicht direkt das Netto-Konto.
- AN-Anteil VL: optional, wird vom Netto abgezogen
- bAV-Beitrag (Entgeltumwandlung): wird vom Brutto abgezogen, vor Steuer und SV. Reduziert dein Brutto für Steuer- und SV-Zwecke.
- AG-Zuschuss bAV: erscheint als positive Position, fließt aber direkt an den Versicherer
Beispiel: 3.500 € Brutto, 200 € bAV-Entgeltumwandlung → für Steuer/SV wird nur 3.300 € berücksichtigt, was zu niedrigerer Lohnsteuer/SV führt. Effekt sichtbar in der Lohnabrechnung. Mehr in L6.
Zusammenfassung
Die Altersvorsorge ruht auf drei Säulen: gesetzliche Rente, betriebliche Vorsorge und private Vorsorge. Vermögenswirksame Leistungen (VL) sind ein monatlicher AG-Zuschuss in einen Sparvertrag (sinnvollerweise Aktienfonds), mit Sperrfrist 7 Jahre und ggf. staatlicher Sparzulage. Die betriebliche Altersvorsorge (bAV) erfolgt meist als Entgeltumwandlung: Beiträge sind bei der Einzahlung steuer- und SV-frei (bis 4–8 % der RV-BBG), werden aber im Alter nachgelagert besteuert und sind dann KV/PV-pflichtig. Häufigster Durchführungsweg ist die Direktversicherung; seit 2022 muss der AG bei neuen Verträgen mindestens 15 % Zuschuss leisten.
