- 1 Section
- 10 Lessons
- unbegrenzt
- Gehalt & Sozialversicherung10
- 1.1Brutto und Netto
- 1.2Die 5 Säulen der Sozialversicherung
- 1.3Beitragssätze und BBG
- 1.4Lohnsteuer: Steuerklassen und Freibeträge
- 1.5Kirchensteuer und Solidaritätszuschlag
- 1.6Lohnabrechnung lesen und erklären
- 1.7VL und betriebliche Altersvorsorge
- 1.8Tarifgehalt, Mindestlohn, übertariflich
- 1.9Gehaltsverhandlung
- 1.10Aufgaben Entgeltabrechnung
Lohnsteuer: Steuerklassen und Freibeträge
In L1 haben wir gesehen, dass die Lohnsteuer oft der größte Abzugsposten ist – noch vor der Sozialversicherung. Aber wie wird diese Steuer eigentlich berechnet? Warum zahlen manche Menschen bei gleichem Bruttogehalt mehr Steuern als andere? Und was sind diese ominösen „Steuerklassen", über die alle reden?
Diese Lektion erklärt das deutsche Lohnsteuer-System: die sechs Steuerklassen (I bis VI), den progressiven Steuertarif, die wichtigsten Freibeträge und das Ehegattensplitting. Mit diesem Wissen verstehst du, warum dein Nettogehalt von deinem Familienstand abhängt – und kannst die richtige Steuerklasse für dich wählen.
1) Was ist die Lohnsteuer?
Die Lohnsteuer ist eine Erhebungsform der Einkommensteuer. Sie wird direkt vom Arbeitslohn einbehalten und vom Arbeitgeber ans Finanzamt abgeführt – noch bevor du das Geld auf dein Konto bekommst. Das macht das Steueraufkommen sicher und einfach.
Wichtige Begriffe:
- Lohnsteuer: monatlich vom Brutto abgezogen, vorläufige Steuerzahlung
- Einkommensteuer: jährliche Gesamtsteuer auf das Jahreseinkommen
- Steuererklärung: am Jahresende werden Lohnsteuer und tatsächliche Einkommensteuer abgeglichen – meist Erstattung, manchmal Nachzahlung
Das deutsche Steuersystem ist progressiv aufgebaut: je mehr du verdienst, desto höher der Steuersatz – aber nicht für das gesamte Einkommen, sondern nur für den darüber liegenden Teil. Das ist wichtig zu verstehen.
2) Die sechs Steuerklassen
Damit der Arbeitgeber die Lohnsteuer ungefähr richtig vorab abziehen kann, gibt's in Deutschland sechs Steuerklassen. Sie spiegeln deine Lebenssituation wider und sorgen dafür, dass die monatliche Lohnsteuer einigermaßen den Jahresvorgaben entspricht:
3) Steuerklassen-Kombinationen für Verheiratete
Verheiratete haben die Wahl zwischen drei Kombinationen. Die Wahl beeinflusst, wie viel monatlich vom Brutto abgezogen wird – die Jahressteuerlast bleibt gleich:
4) Steuerklassenwechsel
Du kannst die Steuerklasse einmal im Jahr wechseln. Dafür reicht ein Antrag beim Finanzamt. Sinnvolle Anlässe:
- Heirat: automatisch Klasse IV/IV, kann aber zu III/V geändert werden
- Geburt eines Kindes: Anpassung der Kinderfreibeträge
- Wechsel des Hauptverdiener-Status: bei Elternzeit, längerer Krankheit, etc.
- Trennung: Klasse I, evtl. II bei Alleinerziehung
- Vor Elterngeld-Bezug: III ist günstig, weil Elterngeld vom Netto berechnet wird
Seit 2020 gibt's auch die Möglichkeit, mehrfach pro Jahr zu wechseln. Aber sinnvoll ist es meist nur einmal jährlich.
5) Der progressive Steuertarif
Das Herzstück der deutschen Lohnsteuer ist der progressive Tarif. Er hat fünf Zonen, in denen der Grenzsteuersatz mit steigendem Einkommen wächst:
Grundfreibetrag
Eingangstarif
Spitzensteuersatz
Reichensteuer
Zone 2 (bis ~18.000 €): Eingangstarif, Grenzsteuersatz steigt von 14% auf 24% (linear-progressiv).
Zone 3 (bis ~68.000 €): stärkere Progression, von 24% auf 42% (linear-progressiv).
Zone 4 (ab ~68.000 €): konstanter Spitzensteuersatz 42%.
Zone 5 (ab ~278.000 €): „Reichensteuer" 45%.
6) Wie funktioniert die Progression?
Konkretes Beispiel zum Verständnis. Stell dir vor, du verdienst 30.000 € pro Jahr (zvE). Wie viel Steuer zahlst du?
7) Wichtige Freibeträge 2026
Der Staat will, dass jeder Mensch ein Existenzminimum hat. Daher gibt's Freibeträge – Beträge, auf die keine Steuer erhoben wird:
8) ELStAM – elektronische Lohnsteuermerkmale
Die Steuerklasse und Freibeträge stehen heute nicht mehr auf einer Karte (wie früher die „Lohnsteuerkarte"), sondern in einer elektronischen Datenbank: ELStAM (Elektronische LohnSteuerAbzugsMerkmale). Der Arbeitgeber ruft diese Daten beim Finanzamt ab.
In ELStAM gespeichert:
- Steuerklasse
- Konfession (für Kirchensteuer)
- Anzahl Kinderfreibeträge
- Faktor (bei Klasse IV/IV mit Faktor)
- Eingetragene Freibeträge (z.B. erhöhter Werbungskosten-Freibetrag)
Bei Lebensänderungen (Heirat, Kind, Trennung) musst du die entsprechende Behörde informieren – die meldet das automatisch ans ELStAM-System. Mehr in L6 zur Lohnabrechnung.
9) Ehegattensplitting
Das Ehegattensplitting ist ein zentrales Konzept der Einkommensbesteuerung für Verheiratete in Deutschland. Funktioniert so:
- Beide Ehepartner werden steuerlich als eine Person betrachtet
- Ihre Jahres-Einkommen werden addiert
- Die Summe wird halbiert
- Auf die Hälfte wird die Steuer berechnet
- Diese Steuer wird verdoppelt = Gesamt-Steuer für das Paar
Vorteil: bei unterschiedlich hohen Einkommen spart das Steuern. Wenn ein Partner viel verdient und der andere wenig (oder gar nichts), wirkt der Splitting-Effekt stark. Bei gleichen Einkommen kein Vorteil.
Das Splitting ist politisch umstritten – es bevorzugt traditionelle Alleinverdiener-Ehen. Reformvorschläge gibt's regelmäßig, bisher nicht umgesetzt.
10) Kindergeld vs. Kinderfreibetrag
Für Kinder gibt's zwei Vergünstigungen, aber nur eine wird angewendet:
- Kindergeld: monatlicher Auszahlung. 2026: ~255 €/Monat pro Kind (für jeden, einkommensunabhängig)
- Kinderfreibetrag: Steuerfreibetrag (~6.672 €/Jahr pro Kind, beide Eltern)
Bei der Einkommensteuererklärung führt das Finanzamt eine Günstigerprüfung durch: welche Variante bringt mehr Geld? Bei niedrigen/mittleren Einkommen ist Kindergeld günstiger, bei hohen der Kinderfreibetrag. Das Finanzamt wählt automatisch.
11) Lohnsteuer vs. Einkommensteuer
Wichtige Unterscheidung:
| Aspekt | Lohnsteuer | Einkommensteuer |
|---|---|---|
| Wann | monatlich vom Brutto | jährlich nach Steuererklärung |
| Wer rechnet | Arbeitgeber | Finanzamt |
| Wer zahlt ab | Arbeitgeber an Finanzamt | Steuerpflichtiger an Finanzamt |
| Basis | Brutto, Steuerklasse, Freibeträge | Gesamteinkommen aus allen Quellen |
| Charakter | vorläufige Schätzung | endgültige Steuerlast |
Am Jahresende kommt die Einkommensteuererklärung: alle Einkünfte werden zusammengerechnet, die tatsächliche Steuerlast berechnet. Die monatlichen Lohnsteuer-Vorauszahlungen werden angerechnet. Meist gibt's eine Erstattung (du hast zu viel gezahlt), seltener eine Nachzahlung.
12) Steuererklärung lohnt sich fast immer
Eine freiwillige Steuererklärung (Antragsveranlagung) lohnt sich meistens. Häufige Gründe für eine Erstattung:
- Werbungskosten über 1.230 €/Jahr: Fahrtkosten, Fortbildung, Arbeitsmittel
- Sonderausgaben: Spenden, Kirchensteuer, private Versicherungen
- Außergewöhnliche Belastungen: hohe Krankheitskosten, Pflegekosten
- Haushaltsnahe Dienstleistungen: Putzhilfe, Handwerker (20% Ermäßigung)
- Verheiratet erst im Laufe des Jahres: Splitting-Vorteil
- Pendlerpauschale bei langem Arbeitsweg
Tools: ELSTER (offiziell, kostenlos), kommerzielle Software wie WISO, taxfix, smartsteuer. Frist: regulär 31. Juli des Folgejahres (mit Steuerberater später).
13) Tipps zur Steuerklasse
Praktische Hinweise:
- Vor Elterngeld: in Klasse III wechseln, Elterngeld wird vom Netto berechnet. Höheres Elterngeld!
- Bei Trennung: spätestens im Folgejahr von IV auf I/II wechseln
- Bei großen Einkommensunterschieden: III/V oder besser IV/IV mit Faktor
- Zweitjob: erstes Job in günstiger Klasse, Zweitjob automatisch Klasse VI
- Verheiratet, beide ähnlich: IV/IV reicht – kein Splitting-Vorteil monatlich, aber bei Jahressteuer-Erklärung wirkt's automatisch
Zusammenfassung
Lohnsteuer wird monatlich vom AG einbehalten und ans Finanzamt abgeführt; sie ist die Vorauszahlung auf die jährliche Einkommensteuer. Die sechs Steuerklassen regeln die monatliche Verteilung (nicht die Jahressteuer): I (Ledige), II (Alleinerziehende), III/V oder IV/IV (Verheiratete), VI (Zweitjob). Der Tarif ist progressiv: Grundfreibetrag 12.096 €/Jahr (steuerfrei), dann steigend bis Spitzensteuersatz 42 % und Reichensteuer 45 %. Die Steuermerkmale stehen elektronisch in ELStAM, eine freiwillige Steuererklärung lohnt sich fast immer.
