- 1 Section
- 10 Lessons
- unbegrenzt
- Gehalt & Sozialversicherung10
- 1.1Brutto und Netto
- 1.2Die 5 Säulen der Sozialversicherung
- 1.3Beitragssätze und BBG
- 1.4Lohnsteuer: Steuerklassen und Freibeträge
- 1.5Kirchensteuer und Solidaritätszuschlag
- 1.6Lohnabrechnung lesen und erklären
- 1.7VL und betriebliche Altersvorsorge
- 1.8Tarifgehalt, Mindestlohn, übertariflich
- 1.9Gehaltsverhandlung
- 1.10Aufgaben Entgeltabrechnung
Brutto und Netto
Dieser Kurs vermittelt dir das nötige Wirtschaftswissen rund um deinen Lohn, deine Abzüge und das System der sozialen Sicherung in Deutschland. Pflicht-Wissen für die IHK-Prüfung im Bereich Wirtschafts- und Sozialkunde – und nebenbei extrem nützlich für dein eigenes Leben: du verstehst dann was auf deiner Lohnabrechnung wirklich passiert.
Die erste Lektion startet mit dem Fundament: dem Unterschied zwischen Brutto und Netto. Klingt einfach, ist es aber nicht – zwischen dem Bruttogehalt und dem, was wirklich auf deinem Konto landet, klafft eine Lücke von oft 35-50%. Hier erklären wir, was dazwischen passiert, wer alles mit am Tisch sitzt und warum „mehr Brutto = mehr Netto" nicht immer linear gilt.
1) Brutto und Netto – die zwei Welten
Wenn dein Arbeitgeber dir ein Gehalt von 3.000 € im Monat anbietet, ist das fast immer das Bruttogehalt. Auf deinem Konto landen vielleicht 2.000 € – das ist das Nettogehalt. Was passiert dazwischen?
- Brutto ist der vereinbarte Gesamt-Lohn, von dem noch nichts abgezogen wurde
- Netto ist das, was du nach allen Abzügen tatsächlich überwiesen bekommst
- Zwischen Brutto und Netto stehen Steuern und Sozialversicherungsbeiträge
Die Faustregel: vom Brutto bleiben dir etwa 60-70% als Netto, abhängig von Steuerklasse, Familienstand, Wohnort, Kirchensteuer-Pflicht und einigen anderen Faktoren. Bei höherem Gehalt sinkt der Netto-Anteil prozentual (progressive Lohnsteuer).
2) Visualisierung: vom Brutto zum Netto
Stell dir das Bruttogehalt als 100% großen Kuchen vor. Davon werden Stücke abgeschnitten – für Steuern und Sozialversicherung. Was übrig bleibt, ist Netto:
3) Wer alles am Tisch sitzt
Wenn du Brutto verdienst, beanspruchen vier verschiedene Empfänger einen Teil davon:
4) Detaillierte Abzüge von Brutto zu Netto
Schauen wir uns die Abzüge konkret an. Beispielrechnung für 3.500 € Brutto, Steuerklasse I (ledig), ohne Kinder, ohne Kirchensteuer:
5) Die geheimen Arbeitgeber-Kosten
Was viele nicht wissen: der Arbeitgeber zahlt noch einmal genauso viel für dich an Sozialversicherung. Dieser Betrag landet nicht bei dir und steht auch nicht auf deiner Lohnabrechnung – aber er ist Teil dessen, was du den Arbeitgeber „kostest".
- KV: 7,3% + 1,45% Zusatz
- PV: 1,8% (Sachsen: 1,3%)
- RV: 9,3%
- AV: 1,3%
- + Unfallvers. (varriert nach Branche)
- + Umlagen U1 / U2 / Insolvenzgeldumlage
- KV: 7,3% + 1,45% Zusatz
- PV: 1,8% (kinderlos +0,6%)
- RV: 9,3%
- AV: 1,3%
- + Lohnsteuer (progressiv)
- + ggf. Soli + Kirchensteuer
6) Die Berechnungs-Reihenfolge
Wichtig zu wissen: die Berechnungs-Reihenfolge auf einer Lohnabrechnung ist nicht zufällig. Es gibt eine festgelegte Logik:
7) Warum mehr Brutto nicht linear mehr Netto bedeutet
Eine Gehaltserhöhung von 100 € bringt dir nicht 100 € mehr Netto. Selten sogar 65 € – manchmal nur 50 €. Warum? Drei Gründe:
- Progressive Lohnsteuer: Je mehr du verdienst, desto höher dein Grenzsteuersatz – der Prozentsatz, mit dem der nächste verdiente Euro besteuert wird. Er steigt von 0% bis 45%.
- Sozialversicherungs-Beiträge: zusätzlich werden 20-22% SV-Beiträge fällig – außer du bist über der BBG (siehe L3), dann sparst du sie.
- Soli-Schwelle: ab einem bestimmten Einkommen kommt der Solidaritätszuschlag dazu (siehe L5).
Diese Mathematik führt zu Phänomenen wie der kalten Progression: durch Inflation steigen Gehälter, aber prozentual fällt mehr Lohnsteuer an – ohne reale Kaufkraft-Steigerung.
8) Brutto-Netto-Rechner
Die genaue Berechnung deines Nettos ist komplex – sie hängt von vielen Faktoren ab. Niemand rechnet das manuell. Verfügbare Tools:
- Brutto-Netto-Rechner auf
brutto-netto-rechner.info,nettolohn.de,finanztip.de - Lohnabrechnungs-Software beim Arbeitgeber (z.B. DATEV, Sage, Lexware) erledigt das automatisch
- ELSTER-Rechner der Finanzverwaltung für jährliche Einkommensteuer
Diese Rechner berücksichtigen alle Parameter: Steuerklasse, Kinder, Kirchensteuer-Pflicht, Bundesland (wichtig für PV in Sachsen), Krankenkassen-Zusatzbeitrag, Alter, Rentenversicherungspflicht und einiges mehr.
9) Brutto-Netto-Vergleich verschiedener Bruttogehälter
Um ein Gefühl für die Verteilung zu bekommen, hier ein paar Beispielwerte (Steuerklasse I, ohne Kirche, ohne Kinder, 2026er Sätze):
| Brutto/Monat | Netto/Monat (ca.) | Netto-Anteil | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| 2.000 € | ~1.470 € | ~74% | Grundfreibetrag wirkt |
| 2.500 € | ~1.760 € | ~70% | Geringe Steuer |
| 3.000 € | ~2.030 € | ~68% | Mittlerer Durchschnitt |
| 3.500 € | ~2.280 € | ~65% | Beispiel oben |
| 4.500 € | ~2.800 € | ~62% | Höherer Verdienst |
| 6.000 € | ~3.580 € | ~60% | Über BBG-Bereich KV |
| 9.000 € | ~5.150 € | ~57% | Über alle BBGen, Soli zahlt |
Beobachtung: bei steigendem Brutto sinkt der Netto-Anteil. Das ist die Wirkung der progressiven Lohnsteuer. Aber: ab der Beitragsbemessungsgrenze sinkt die SV-Last absolut – mehr dazu in L3.
10) Sonderfälle bei Brutto-Netto
Es gibt einige Sonderfälle, die du kennen solltest:
- Minijob (bis 603 €/Monat 2026): Der Arbeitnehmer zahlt im Normalfall keine Steuer und keine SV-Beiträge. Brutto = Netto. Der Arbeitgeber zahlt Pauschalabgaben (~30%).
- Midijob (603,01 € – 2.000 €/Monat 2026): Reduzierte SV-Beiträge im Übergangsbereich. Niedrigere Abzüge als bei normaler Beschäftigung.
- Geringfügige Beschäftigung als Schüler/Student: Eigene Regelungen, oft sehr niedrige Abzüge.
- 13. Monatsgehalt / Urlaubsgeld: Wird oft besonders berechnet (Lohnsteuer mit Jahresberechnung), Netto-Anteil kann höher oder niedriger sein.
- Geldwerte Vorteile: Dienstwagen, Essenszuschüsse, betriebliche Krankenversicherung werden brutto besteuert, aber netto verrechnet.
- Steuerfreie Zuschläge: Sonntags-, Feiertags-, Nachtzuschläge sind teilweise steuerfrei – Brutto höher als versteuertes Brutto.
11) Brutto-Vereinbarung im Arbeitsvertrag
Wichtig: in Arbeitsverträgen wird immer das Bruttogehalt vereinbart, niemals netto. Warum?
- Netto hängt von persönlichen Faktoren ab (Steuerklasse, Familienstand, Kirchenmitgliedschaft, Bundesland) – die kann der Arbeitgeber nicht beeinflussen
- Bei Heirat, Geburt eines Kindes, Kirchenaustritt etc. würde sich das vereinbarte Netto ändern – rechtlich unklar
- Steuersätze und SV-Beiträge ändern sich jährlich – Brutto bleibt stabil
Daher: wenn dir ein Job mit „2.500 € netto" angeboten wird, ist das ungewöhnlich. Frag nach dem Brutto – das ist die saubere Verhandlungsbasis. Auch in Stellenanzeigen sind Gehaltsangaben fast immer brutto.
12) Was bei der Lohnabrechnung sichtbar wird
Auf deiner monatlichen Lohnabrechnung tauchen alle diese Werte auf:
- Bruttolohn (oft mit Aufschlüsselung Grundgehalt + Zulagen)
- Steuerabzüge (Lohnsteuer, Soli, Kirche)
- Sozialversicherungsbeiträge (KV, PV, RV, AV mit AN-Anteilen)
- Netto-Auszahlungsbetrag
- Steuerklasse, Kinderfreibeträge, Konfession
- Krankenkasse mit Zusatzbeitrag
- Jahresübersicht (kumulierte Werte seit Januar)
Wie eine Lohnabrechnung im Detail aussieht und wie du sie liest, erklären wir in L6.
Zusammenfassung
Brutto ist das vereinbarte Gesamtgehalt, Netto der Auszahlungsbetrag nach Abzug von Steuern (Lohnsteuer + ggf. Soli/Kirche) und Sozialversicherungsbeiträgen (KV/PV/RV/AV). Faustregel: Netto ≈ 60-70 % vom Brutto, der Anteil sinkt bei höherem Einkommen wegen progressiver Lohnsteuer. Im Arbeitsvertrag wird immer das Brutto vereinbart. Zusätzlich trägt der Arbeitgeber etwa 21 % AG-Anteil zur SV, der nicht im Netto erscheint.
