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- IT-Systemplanung & Integration10
- 1.1Systemlösungen konzipieren
- 1.2Machbarkeitsanalyse und Systemauswahl
- 1.3Kompatibilität prüfen
- 1.4Kompatibilitätsprobleme lösen
- 1.5Systemübergabe planen
- 1.6Systemübergabe durchführen und Abnahme
- 1.7Datenübernahme planen
- 1.8Datenübernahme durchführen und validieren
- 1.9Rollout-Szenarien: Big Bang, Parallel, Phasen
- 1.10Aufgaben Systemplanung
Machbarkeitsanalyse und Systemauswahl
„Lässt sich das überhaupt machen?" – diese Frage steht am Anfang jedes größeren IT-Projekts. Die Machbarkeitsanalyse (englisch Feasibility Study) prüft, ob ein geplantes System realistisch umgesetzt werden kann – und zwar in vier Dimensionen: technisch, wirtschaftlich, organisatorisch und rechtlich. Ein Projekt, das nur in einer Dimension funktioniert, scheitert garantiert. Diese Lektion zeigt dir, wie eine saubere Machbarkeitsanalyse aufgebaut ist, wie du Risiken früh erkennst und wie du am Ende eine fundierte Entscheidung für oder gegen die Umsetzung triffst – inklusive der wichtigen Frage „selbst bauen oder kaufen?".
1) Die vier Dimensionen der Machbarkeit
Eine vollständige Machbarkeitsanalyse prüft alle vier Dimensionen. Schwächen in einer reichen für den Projekt-Stopp. Klick durch und sieh, was in jeder Dimension geprüft wird:
2) Make-or-Buy – selbst bauen oder kaufen?
Eine der häufigsten Make-or-Buy-Entscheidungen bei IT-Projekten ist: Eigenentwicklung oder fertiges Produkt? Die Antwort hängt nicht nur von Kosten ab, sondern von einer Reihe strategischer Faktoren. Hier eine typische Entscheidungslogik:
3) Risiken systematisch identifizieren
Eine Machbarkeitsanalyse ohne Risikobetrachtung ist nur halb. Risiken werden klassifiziert nach Eintrittswahrscheinlichkeit und Auswirkung – das Resultat ist eine 3×3-Matrix (manchmal 5×5). Klassische IT-Projekt-Risiken:
hoch
4) Proof of Concept (PoC) – Machbarkeit beweisen
Wenn die technische Machbarkeit unklar ist, hilft kein theoretisches Argumentieren – nur ein Proof of Concept. Das ist eine kleine, fokussierte Demo, die genau die kritische Frage beantwortet: „Funktioniert die zentrale Technik unter realen Bedingungen?". Wichtige Eigenschaften eines guten PoC:
- Klare Fragestellung: Was genau soll bewiesen werden? Beispiel: „Kann unser Zielsystem 10.000 gleichzeitige Anfragen pro Sekunde bedienen?"
- Zeitlich begrenzt: 1-4 Wochen, nicht länger. PoC ist kein Produkt-Mini.
- Echte Daten verwenden: Anonymisierte Produktionsdaten geben realistischere Ergebnisse als Test-Datensätze.
- Klares Erfolgskriterium: Vor dem PoC definieren, wann er als erfolgreich gilt. Sonst gibt es nur Schulterzucken am Ende.
- Zum Wegwerfen gebaut: PoC-Code wird typisch nicht weiterverwendet. Er beweist nur Konzept, nicht Produktionsqualität.
Vorsicht vor dem klassischen Anti-Pattern: PoC wird vom Management als „fertige Lösung" gesehen und in Produktion geschoben. Resultat: instabiles System, das nicht für Produktionslast gemacht wurde. Daher in PoC-Berichten immer explizit klarmachen: „Erfolgreicher Machbarkeitsnachweis. Produktivumsetzung erfordert vollständige Implementierung."
5) Systemauswahl – mehr als Featurelisten vergleichen
Ist die Machbarkeit positiv, geht es um die konkrete Systemauswahl: welches Produkt oder welcher Anbieter erfüllt die Anforderungen am besten? Hier reicht es nicht, Featurelisten zu vergleichen – wichtige Auswahlkriterien gehen weiter:
| Kriterium | Worauf achten |
|---|---|
| Funktionale Abdeckung | Pflichtanforderungen müssen alle erfüllt sein. „Können wir nachrüsten" zählt nicht als erfüllt. |
| Marktposition | Wie stabil ist der Anbieter? Wie viele Kunden? Gibt es ein Wartungspaket mit definiertem Support-Level? |
| Referenzkunden | Wer setzt das System ein, idealerweise in vergleichbarer Branche? Referenzbesuche möglich? |
| Total Cost of Ownership | Anschaffung + Lizenzen + Wartung + Schulung + Migration über 5 Jahre. Mehr in TCO. |
| Vertragsbedingungen | Kündigungsfristen, SLAs, Eskalationswege. Was passiert beim Anbieter-Wechsel? Data Portability? |
| Roadmap des Anbieters | Welche Features kommen in den nächsten Jahren? Strategie der Firma? |
| Community / Ecosystem | Gibt es ein lebendiges Forum, Partner-Netzwerk, Plugins? Bei Open Source: Wie aktiv ist die Community? |
| Sicherheits-Track-Record | Wie geht der Anbieter mit Sicherheitslücken um? CVE-Historie, Disclosure-Praxis. |
Eine reine Featureliste-Auswahl führt oft in die Sackgasse, weil zwei Systeme „funktional gleich" aussehen können, aber in Wartbarkeit, Support und Strategischer Stabilität meilenweit auseinanderliegen. Mehr in Marktgängige IT-Systeme bewerten.
6) Open Source vs. proprietär
Eine spezielle Achse der Systemauswahl: Open Source oder kommerzielle Closed-Source-Lösung. Beide haben ihre Berechtigung, und beide haben ihre Fallen:
- Open Source Vorteile: Keine Lizenzkosten (oft), Code einsehbar (Sicherheits-Audit möglich), kein Anbieter-Lock-in, große Community oft sehr reaktionsschnell bei Bugs.
- Open Source Risiken: Support oft nur über Community-Foren (außer bei kommerziellem Support-Vertrag), Lizenzkomplexität (Copyleft-Lizenzen wie GPL können eigene Software „infizieren"), Maintainership-Risiko (Projekt kann eingestellt werden, wenn Hauptentwickler aussteigt).
- Proprietär Vorteile: Klarer Support-Ansprechpartner mit SLA, oft polierter und integrierter, Schulungen und Zertifikate verfügbar, Anbieter haftet für Mängel.
- Proprietär Risiken: Vendor-Lock-in, hohe Lizenzkosten (oft pro Nutzer/Jahr), Anbieter kann Preise erhöhen oder Features streichen, Daten-Export schwierig.
In der Praxis ist die Wahl oft hybrid: Linux als OS (Open Source), darauf eine kommerzielle Datenbank (Oracle/SQL Server) oder umgekehrt Windows mit PostgreSQL. Mehr in Open-Source-Lizenzen und Lizenzmodelle.
7) Das Ergebnis dokumentieren
Eine Machbarkeitsanalyse mündet in einen schriftlichen Bericht für den Auftraggeber. Wichtige Elemente:
- Klare Empfehlung: Geht das Projekt durch (Go), nicht durch (No-Go), oder muss es umkonzipiert werden (Go mit Änderungen)?
- Begründung pro Dimension: Technisch, wirtschaftlich, organisatorisch, rechtlich – jeweils mit Bewertung.
- Risiken und Gegenmaßnahmen: Was kann schiefgehen, wie wird vorgesorgt.
- Voraussetzungen: Welche Bedingungen müssen erfüllt sein (Budget, Mitarbeiter, externe Dienstleister)?
- Alternativvorschläge: Falls die Hauptlösung nicht machbar ist – welche Plan-B-Optionen gibt es?
- Nächste Schritte: Was muss als nächstes passieren? Verträge, Bestellungen, Schulungen, Pilot?
Wichtige Disziplin: Eine ehrliche Machbarkeitsanalyse darf auch ein „Nein, nicht machbar" empfehlen. Das ist viel besser, als ein zum Scheitern verurteiltes Projekt anzufangen und die Mitarbeiter monatelang frustriert durch eine sinkende IT-Lösung zu jagen. Wer zu früh „Ja" sagt, schadet allen Beteiligten. Mehr in Ist-Analyse und Soll-Konzept.
Zusammenfassung
Eine Machbarkeitsanalyse prüft vor Projektstart, ob ein Vorhaben realistisch umgesetzt werden kann. Vier Dimensionen müssen alle grünes Licht zeigen: technisch (Technologie verfügbar, Performance, Integration), wirtschaftlich (Kosten, ROI, TCO, Budget), organisatorisch (Personal, Know-how, Schulung, Betriebsrat), rechtlich (DSGVO, Lizenzen, Vorschriften). Bei unklarer Technik: Proof of Concept bauen – klare Fragestellung, zeitlich begrenzt, echte Daten, klares Erfolgskriterium. Make-or-Buy: Standardfunktionen kaufen, differenzierende Funktionen selbst bauen. Risiko-Matrix nach Wahrscheinlichkeit × Auswirkung, vier Behandlungsstrategien (Vermeiden, Vermindern, Übertragen, Akzeptieren). Systemauswahl: nicht nur Features, sondern auch Anbieter-Stabilität, Referenzen, TCO, Vertragsbedingungen, Sicherheits-Track-Record. Open Source vs. proprietär: jeweils Vor- und Nachteile abwägen. Ergebnis: Bericht mit klarer Empfehlung (Go / No-Go / Go-mit-Änderungen), Risiken, Voraussetzungen, nächste Schritte.
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