- 1 Section
- 10 Lessons
- unbegrenzt
- Projektmanagement Methoden10
- 1.1Warum Projekte scheitern
- 1.2Projektauftrag, Phasen und Meilensteine
- 1.3Wasserfall-Modell
- 1.4Scrum: Rollen, Events, Artefakte
- 1.5Kanban: Boards, WIP-Limits, Flow
- 1.6Hybrides Projektmanagement
- 1.7Netzplan & kritischer Pfad
- 1.8Gantt-Diagramm und Terminplanung
- 1.9Projektstrukturplan (PSP) und Aufgabenabgrenzung
- 1.10Projektkommunikation, Reflexion und Verbesserung
Netzplan & kritischer Pfad
Stell dir vor, du planst einen Umzug. Einige Aufgaben können parallel erledigt werden: Während du Kartons packst, kann dein Mitbewohner das Auto leihen gehen. Andere Aufgaben müssen nacheinander sein: Erst ausziehen, dann einziehen. Aber welche Abfolge bestimmt, wann ihr spätestens fertig seid? Genau das beantwortet der Netzplan. Er ist das wichtigste Werkzeug für die zeitliche Analyse von Projektabläufen – und zeigt dir, welche Aufgaben keinen einzigen Tag Verzögerung verkraften dürfen.
1) Was ist ein Netzplan?
Ein Netzplan (auch Vorgangsknotennetz, VKN) ist eine grafische Darstellung aller Vorgänge eines Projekts und ihrer Abhängigkeiten. Er zeigt: Welche Aufgaben müssen vor einer anderen fertig sein? Welche können parallel laufen? Und – das Wichtigste – welche Aufgaben bestimmen die Gesamtdauer des Projekts?
Jeder Vorgang wird als Kasten (Knoten) dargestellt. Die Pfeile zwischen den Knoten zeigen die Reihenfolge an. Jeder Knoten enthält dabei mehrere Zeitinformationen: den frühesten und spätesten Anfangs- sowie Endzeitpunkt – und daraus berechnet sich der Puffer.
| Abkürzung | Bedeutung | Was sie aussagt |
|---|---|---|
| FAZ | Frühester Anfangszeitpunkt | Wann kann dieser Vorgang frühestens beginnen? |
| FEZ | Frühester Endzeitpunkt | FAZ + Dauer = wann ist er frühestens fertig? |
| SAZ | Spätester Anfangszeitpunkt | Wann darf er spätestens beginnen, ohne das Projekt zu verzögern? |
| SEZ | Spätester Endzeitpunkt | SAZ + Dauer = wann muss er spätestens fertig sein? |
| GP | Gesamtpuffer | SAZ − FAZ: Wie viel Spielraum hat dieser Vorgang? |
Die Berechnung läuft in zwei Durchgängen: Im Vorwärtsdurchgang (von links nach rechts) berechnet man FAZ und FEZ. Im Rückwärtsdurchgang (von rechts nach links) berechnet man SAZ und SEZ. Anschließend ergibt sich der Puffer.
2) Der kritische Pfad
Der kritische Pfad ist die Folge von Vorgängen, die zusammen die längste Gesamtdauer ergeben – und damit die Mindestdauer des gesamten Projekts bestimmen. Alle Vorgänge auf dem kritischen Pfad haben einen Gesamtpuffer von genau null. Das bedeutet: Verzögert sich auch nur ein einziger Vorgang auf dem kritischen Pfad, verzögert sich das gesamte Projekt.
Das Konzept lässt sich gut mit einer Straßenbaustelle vergleichen: Wenn auf der Autobahn drei Spuren auf eine reduziert sind, bestimmt diese eine Spur den Gesamtdurchfluss – egal wie frei die anderen Straßen daneben sind. Vorgänge abseits des kritischen Pfads haben Puffer – dort kann Verzögerung toleriert werden.
Vorgang C (Testplanung, 2 Tage) hat einen Puffer von 5 Tagen – er darf sich um bis zu 5 Tage verzögern, ohne das Projekt zu gefährden.
3) Vorwärts- und Rückwärtsdurchgang – Schritt für Schritt
Die Berechnung eines Netzplans folgt einem klaren Schema. Am Beispiel aus der Visualisierung:
Vorwärtsdurchgang (FAZ und FEZ berechnen): Du startest bei Vorgang A mit FAZ = 0. FEZ = FAZ + Dauer = 0 + 3 = 3. Vorgang B kann frühestens beginnen, wenn A fertig ist: FAZ(B) = FEZ(A) = 3. FEZ(B) = 3 + 4 = 7. Und so weiter bis zum letzten Vorgang. Gibt es mehrere Vorgänger, gilt: FAZ = Maximum aller FEZ der Vorgänger.
Rückwärtsdurchgang (SAZ und SEZ berechnen): Du startest beim letzten Vorgang und setzt SEZ = FEZ (kein Puffer am Ende). SAZ = SEZ − Dauer. Dann gehst du rückwärts. Hat ein Vorgang mehrere Nachfolger, gilt: SEZ = Minimum aller SAZ der Nachfolger.
Puffer berechnen: GP = SAZ − FAZ. Ein GP von 0 bedeutet: Dieser Vorgang liegt auf dem kritischen Pfad.
4) Bedeutung für die Projektplanung
Der Netzplan beantwortet die drei wichtigsten Fragen jedes Projektleiters: Wie lange dauert das Projekt mindestens? Welche Aufgaben dürfen auf keinen Fall verzögert werden? Und wo gibt es Puffer, den ich nutzen kann, wenn Ressourcen knapp sind? Diese Informationen fließen direkt in das Gantt-Diagramm (L8) ein, das den Netzplan in eine kalendarische Ansicht überführt. Für die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung ist der kritische Pfad ebenfalls wichtig: Ressourcen sollten bevorzugt auf kritische Vorgänge konzentriert werden.
Zusammenfassung
Der Netzplan stellt Projektvorgänge als Knoten mit Abhängigkeitspfeilen dar. Jeder Knoten enthält FAZ, FEZ, SAZ, SEZ, Dauer und Gesamtpuffer (GP). Die Berechnung erfolgt in zwei Durchgängen: Vorwärts (FAZ/FEZ) und Rückwärts (SAZ/SEZ). Der kritische Pfad ist die Folge aller Vorgänge mit GP = 0 – er bestimmt die Mindestprojektdauer. Vorgänge mit Puffer können sich verzögern, ohne das Gesamtprojekt zu gefährden. Der Netzplan ist Grundlage für das Gantt-Diagramm (L8) und ein klassisches IHK-Prüfungsthema.
