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- IPv6 – Vollständiger Überblick10
- 1.1Warum IPv6?
- 1.2IPv6-Adressaufbau und Schreibweise
- 1.3IPv6-Adresstypen: Unicast, Multicast, Anycast
- 1.4Subnetting mit IPv6
- 1.5Autokonfiguration: SLAAC und DHCPv6
- 1.6ICMPv6 und Neighbor Discovery Protocol
- 1.7Dual Stack, Tunneling, NAT64
- 1.8IPv6-Sicherheitsaspekte
- 1.9IPv6 konfigurieren unter Linux und Windows
- 1.10Aufgaben IPv6
Warum IPv6?
Warum IPv6?
Das Internet läuft seit Jahrzehnten auf IPv4 – und IPv4 ist schlicht zu Ende. Der Adressraum mit knapp 4,3 Milliarden Adressen war für die Welt von 1981 gedacht, nicht für eine mit Milliarden von Smartphones, IoT-Geräten und vernetzten Haushaltsgeräten. IPv6 ist die Antwort – und längst keine Zukunftsvision mehr, sondern Alltag in modernen Netzen.
1. Das Problem: IPv4-Adresserschöpfung
IPv4 verwendet 32-Bit-Adressen. Das ergibt rechnerisch 2³² = 4.294.967.296 Adressen – also etwa 4,3 Milliarden. Klingt nach viel, ist es aber nicht: Allein in Deutschland gibt es über 80 Millionen Menschen, jeder mit Smartphone, Laptop, Tablet, Smartwatch und Smart-TV. Dazu kommen Server, Router, Drucker, Kameras, Heizungsregler, Autos.
Schon in den 1990ern war klar, dass IPv4 nicht reichen würde. Die IANA – die zentrale Vergabestelle – hat am 3. Februar 2011 ihren letzten freien IPv4-Adressblock vergeben. Die regionalen Registrierungsstellen folgten kurz darauf.
Als Übergangslösung wurde NAT (Network Address Translation) eingeführt: Ein Router übersetzt viele private IP-Adressen auf eine einzige öffentliche. So teilen sich in einem Haushalt alle Geräte eine IPv4-Adresse. Das hat das Leben von IPv4 erheblich verlängert – aber auch zu technischen Komplikationen geführt: End-to-End-Konnektivität geht verloren, Peer-to-Peer-Anwendungen werden kompliziert, VoIP erfordert Tricks.
2. Die Lösung: IPv6
IPv6 wurde ab 1995 von der IETF entwickelt und in RFC 2460 (1998) standardisiert, später überarbeitet in RFC 8200 (2017). Es löst das Adressierungsproblem radikal: Statt 32 Bit verwendet IPv6 128 Bit für Adressen.
IPv4
2³² Adressen. Alle vergeben.
IPv6
2¹²⁸ ≈ 3,4 × 10³⁸ Adressen. Genug für jeden Quadratmillimeter der Erdoberfläche – mehrfach.
Um das greifbar zu machen: Wenn man jedem Sandkorn auf der Erde eine IPv4-Adresse geben wollte, würde der Vorrat nach wenigen Strandabschnitten ausgehen. Mit IPv6 könnte man jedem Sandkorn auf jedem Planeten in der bekannten Galaxie eine eindeutige Adresse geben – und hätte immer noch welche übrig.
3. Was IPv6 sonst noch verbessert
IPv6 ist nicht nur „IPv4 mit mehr Bits". Es bringt echte architektonische Verbesserungen mit:
- Vereinfachter Header: Der IPv6-Header hat eine feste Größe von 40 Byte und weniger Felder als IPv4. Router können Pakete schneller verarbeiten. Optionale Erweiterungen werden in Extension Headers ausgelagert.
- Keine Checksumme im Header: IPv4 hat eine Header-Checksumme, die jeder Router neu berechnen muss (TTL ändert sich). IPv6 lässt das weg – Fehlerprüfung macht TCP/UDP.
- Autokonfiguration (SLAAC): Geräte können sich eigenständig eine gültige IPv6-Adresse generieren, ohne DHCP. Das vereinfacht die Netzwerkverwaltung erheblich.
- Kein NAT nötig: Jedes Gerät bekommt eine echte globale Adresse. End-to-End-Konnektivität ist wieder möglich.
- Integriertes IPsec: Sicherheitsmechanismen sind im Protokoll vorgesehen, nicht nachträglich hinzugefügt.
- Besseres Multicast: IPv6 nutzt Multicast konsequent, u.a. als vollständigen Ersatz für Broadcast.
- Neighbor Discovery Protocol (NDP): Ersetzt ARP – moderner, sicherer, effizienter.
4. Entwicklung und Verbreitung
Der Weg von IPv4 zu IPv6 war lang – und ist noch nicht abgeschlossen. Beide Protokolle laufen heute im Internet parallel:
5. Vergleich: IPv4 vs. IPv6
| Merkmal | IPv4 | IPv6 |
|---|---|---|
| Adresslänge | 32 Bit | 128 Bit |
| Adressraum | ~4,3 Milliarden | ~3,4 × 10³⁸ |
| Schreibweise | Dezimal (192.168.1.1) | Hexadezimal (2001:db8::1) |
| Header-Größe | 20–60 Byte (variabel) | 40 Byte (fest) |
| NAT | Notwendig | Nicht nötig |
| Autokonfiguration | DHCP (manuell/automatisch) | SLAAC + DHCPv6 |
| Broadcast | Ja | Nein (Multicast stattdessen) |
| ARP | Ja | Nein (NDP stattdessen) |
| IPsec | Optional | Im Standard vorgesehen |
| Fragmentierung | Durch Router möglich | Nur durch Sender |
