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traceroute / tracert
Während ping nur zeigt ob ein Ziel erreichbar ist, zeigt traceroute (Linux/macOS) bzw. tracert (Windows) auch den Weg dorthin – Router für Router, mit Zeitmessung an jedem Hop. Damit lässt sich erkennen, wo genau im Internet ein Engpass oder Ausfall liegt: Am eigenen Router? Beim ISP? Irgendwo im Transit? Beim Ziel-Provider?
Die Analogie: Stell dir vor, du verschickst einen Brief und möchtest wissen, welche Postzentren er passiert. Pinger ist „kommt der Brief an? Ja/Nein." Traceroute hingegen klebt an jedem Postzentrum eine kleine Karte ans Paket: „Ich war hier um 13:47 Uhr." Am Ende hast du die komplette Route inklusive Bearbeitungszeit jeder Zwischenstation. Eine zweite Bildsprache: Hänsel und Gretel im Wald – traceroute legt an jedem Wegpunkt einen Brotkrumen, damit du die Route nachverfolgen kannst, selbst wenn du das Ziel selbst nie erreichst.
1) Der TTL-Trick – wie traceroute den Weg findet
Traceroute nutzt eine clevere Eigenschaft des IP-Protokolls: das TTL-Feld. Jedes IP-Paket hat eine „Time-to-Live", die an jedem passierenden Router um 1 dekrementiert wird. Fällt TTL auf 0, verwirft der Router das Paket und schickt eine ICMP-Meldung „Time Exceeded" (Typ 11) zurück – mit seiner eigenen IP als Absender. Genau das macht sich traceroute zunutze: Es schickt absichtlich Pakete mit zu kleiner TTL los, um an jedem Hop einen „Verfallszeitpunkt" auszulösen.
Heim
ISP
Backbone
Ziel
*) bedeuten Timeout: entweder ist der Router stumm (ICMP-Antworten blockiert), oder die Sonde ging unterwegs verloren.2) Windows tracert vs. Linux traceroute vs. mtr
Auch wenn das Grundprinzip identisch ist, unterscheiden sich die Implementierungen in einem wichtigen Detail: dem verwendeten Protokoll der Sonden-Pakete. Diese Unterscheidung erklärt, warum eine Route unter Windows perfekt durchläuft, unter Linux aber bei Hop 5 plötzlich Sterne zeigt:
tracert 8.8.8.8-I = ICMP, -T = TCPmtr 8.8.8.8tracert -d probieren (kein DNS-Lookup pro Hop, viel schneller). Wenn das Ziel auf ICMP gar nicht antwortet, unter Linux mit traceroute -T -p 443 einen TCP-Trace auf den Webserver versuchen – dieser kommt fast immer durch.3) Eine echte Trace-Ausgabe lesen
Eine vollständige Ausgabe von tracert wirkt auf den ersten Blick unübersichtlich. Wer die Struktur kennt, erkennt aber sofort, was wo passiert. Jede Zeile = ein Hop, drei RTT-Werte = drei Sonden, Hostname (falls auflösbar) plus IP-Adresse:
1 1 ms 1 ms 1 ms fritz.box [192.168.178.1]
2 15 ms 14 ms 14 ms isp-gw.local [10.50.0.1]
3 * * * Anforderung hat das Zeitlimit überschritten.
4 18 ms 17 ms 18 ms de-fra1.core.telco.net [80.81.x.x]
5 19 ms 20 ms 19 ms peering.google.com [72.14.x.x]
6 21 ms 21 ms 20 ms dns.google [8.8.8.8]
Ablaufverfolgung beendet.
4) Typische Trace-Befunde und ihre Bedeutung
Hops und ihre RTT-Werte erzählen eine Geschichte. Ein paar Muster lernt man schnell zu lesen:
| Muster | Wahrscheinliche Ursache |
|---|---|
| Hop 1 schon Sterne | Default-Gateway antwortet nicht – Schicht-1/2-Problem oder ICMP am Router gesperrt|
| RTT springt an einem Hop drastisch hoch | Überlastung oder geografische Distanz (z. B. Transatlantik-Hop) |
| Alle Hops antworten, aber Ziel-Hop nicht | Ziel-Firewall blockt ICMP – Erreichbarkeit ist trotzdem oft gegeben (Test mit Port-Probe) |
| Plötzlich anderer IP-Bereich auf dem Rückweg | Asymmetrisches Routing – Hin- und Rückweg laufen über verschiedene Provider |
| Hop x → Hop y → Hop x → … | Routing-Loop, oft nach fehlerhafter statischer Route |
| Letzte Hops nicht erreichbar | Ziel-Netz down oder Edge-Firewall, Trace bei vorletztem Hop „eingefroren" |
5) mtr – das Diagnose-Werkzeug für Profis
Sobald ein Problem nur sporadisch auftritt – mal funktioniert die Verbindung, mal nicht – ist klassisches traceroute zu wenig: ein einmaliger Lauf zeigt nur eine Momentaufnahme. mtr kombiniert Traceroute und Ping zu einem Dauer-Monitor und zeigt für jeden Hop kontinuierlich Paketverlust und Latenz. So lässt sich sofort erkennen, wo im Pfad ein Engpass oder Wackeln auftritt:
1.|-- 192.168.1.1 0.0% 30 1.0 1.1 0.8 1.4
2.|-- 10.50.0.1 0.0% 30 14.2 14.5 13.8 17.1
3.|-- 80.81.x.x 23.3% 30 18.7 87.3 15.9 412.0
4.|-- 72.14.x.x 0.0% 30 20.1 20.4 19.6 22.3
5.|-- 8.8.8.8 0.0% 30 21.0 21.2 20.5 24.1
Zusammenfassung
traceroute (Linux) / tracert (Windows) zeigt den Weg eines Pakets Router für Router. Trick: künstlich niedrige TTL erzeugt ICMP-Time-Exceeded an jedem Hop. Windows nutzt ICMP, Linux per Default UDP – beides hat Vor- und Nachteile bei Firewalls. mtr kombiniert Traceroute und Ping als Dauer-Monitor und ist das Mittel der Wahl bei sporadischen Problemen. Sterne bedeuten nicht automatisch „Fehler" – viele Core-Router antworten absichtlich nicht. Echtes Problem nur, wenn ab einem Hop alle weiteren Sterne zeigen, oder Loss/RTT ab einem Hop dauerhaft hochbleibt.
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