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- Projektdokumentation & IHK-Abschlussbericht10
- 1.1Was ist die IHK-Projektdokumentation?
- 1.2Projektantrag stellen und genehmigen lassen
- 1.3Aufbau der Projektdokumentation
- 1.4Ist-Analyse und Soll-Konzept
- 1.5Zeitplanung und Abweichungen dokumentieren
- 1.6Umsetzung beschreiben: Technische Dokumentation
- 1.7Testbericht und Qualitätssicherung
- 1.8Fazit, Ausblick und Anhänge
- 1.9Häufige Fehler und wie man sie vermeidet
- 1.10Beispiel-Projektdokumentation (kommentiert)
Was ist die IHK-Projektdokumentation?
Am Ende deiner Ausbildung steht eine der mächtigsten Prüfungs-Etappen: das Abschlussprojekt. Im Gegensatz zur klassischen Klausur ist es praxisnah: du wählst ein reales Projekt im Betrieb aus, dokumentierst es schriftlich und stellst es mündlich im Fachgespräch vor. Diese IHK-Projektdokumentation entscheidet zu rund einem Drittel über deine Gesamtnote – wer hier zwischen 70 und 100 Punkten liegt, hat sich oft schon das „Bestanden mit Glanz" gesichert. Der Haken: Vielen Azubis ist nicht klar, was die IHK eigentlich erwartet. Sie schreiben eine technische Doku statt eines Projekt-Berichts, vergessen Wirtschaftlichkeit oder Reflexion, oder konzentrieren sich nur auf Ergebnisse und lassen den Prozess unter den Tisch fallen. Diese erste Lektion des Kurses gibt dir den Überblick: Wer ist Prüfer, was wird bewertet, wie ist der Ablauf, was unterscheidet FISI von KIBT, welche Themen eignen sich überhaupt? Du verstehst nach dieser Lektion, was hinter dem Begriff „IHK-Projektdoku" steht und worauf du dich in den nächsten neun Lektionen konzentrieren musst.
1) Was ist die IHK-Projektdokumentation überhaupt?
Die Projektdokumentation ist ein schriftlicher Bericht über ein betriebliches Projekt, das du im Rahmen deiner Ausbildung selbständig durchgeführt hast. Sie ist Teil der gestreckten Abschlussprüfung Teil 2 (AP2) und der Berufe der IT-Ausbildungs-Verordnung (2020):
- Fachinformatiker:in Systemintegration (FISI) – AP2 mit „Planung eines Kundenauftrags"
- Fachinformatiker:in Anwendungsentwicklung (FIAE) – AP2 mit „Entwicklung und Bereitstellung eines Software-Produkts"
- Fachinformatiker:in Daten- und Prozessanalyse (FIDP) – AP2 zu Datenprozessen
- Fachinformatiker:in Digitale Vernetzung (FIDV) – AP2 zur Vernetzung von Systemen
- Kaufleute für IT-System-Management (KIBT) – AP2 zu Auftrags-/Kundenmanagement
- Kaufleute für Digitalisierungsmanagement
- IT-System-Elektroniker:in
Du wählst selbst ein betriebliches Projekt, beantragst es bei der IHK (siehe L2 Projektantrag), führst es durch, dokumentierst es schriftlich und präsentierst es im Anschluss in einer Präsentation mit Fachgespräch.
2) Der zeitliche Ablauf
Klicke die Phasen für Details:
3) Eckdaten – Zeit, Umfang, Format
| Kriterium | FISI / FIAE | KIBT |
|---|---|---|
| Bearbeitungszeit | 35-40 Stunden im Betrieb | 35 Stunden |
| Doku-Umfang | i.d.R. 10-15 Seiten (Hauptteil) + Anhang | 10-15 Seiten (Hauptteil) + Anhang |
| Schrift / Format | Arial/Times 11/12pt, 1,5-zeilig, einseitig (je IHK) | analog |
| Sprache | Deutsch (Fachenglisch in Begriffen erlaubt) | analog |
| Abgabe-Form | oft nur digital als PDF über IHK-Portal | analog (vorab Kammer prüfen) |
| Präsentation | 15 Min + 15 Min Fachgespräch | 15 Min + 15 Min Fachgespräch |
| Gewichtung AP2 | Projektdoku + Präsentation = 50 % der AP2 (Rest schriftlich) | analog |
Wichtig: Die Vorgaben variieren leicht je IHK-Kammer (Berlin, München, Köln, Stuttgart). Immer die Vorgaben deiner zuständigen Kammer prüfen – die meisten IHKs stellen eine PDF mit Detail-Vorgaben bereit.
4) Was wird bewertet?
Die Bewertung deckt mehrere Dimensionen ab – nicht nur „funktioniert es?":
5) FISI / FIAE vs. KIBT – Unterschiede
🖥 FISI / FIAE / FIDV / FIDP
- Schwerpunkt: technische Umsetzung, Systeme, Code
- Kernfrage: „Welche technische Lösung passt zum Kundenauftrag?"
- Typische Inhalte: Architektur, Konfiguration, Komponenten, Testfälle
- Wirtschaftlichkeit: Make-or-Buy, ROI, TCO, Amortisation
- Vom Kunden aus denken: dennoch Anforderungen herleiten, nicht Tools voranstellen
💼 KIBT / Kaufleute Digitalisierung
- Schwerpunkt: Beratung, Auftrag, Kunden-Bedarfsanalyse, Beschaffung
- Kernfrage: „Wie wickle ich einen Kundenauftrag professionell ab?"
- Typische Inhalte: Angebotserstellung, Anbieter-Vergleich, Kommunikation, Schulung
- Wirtschaftlichkeit: deutlich stärker gewichtet (Nutzwertanalyse, Angebotsvergleich)
- Technik: auf konzeptioneller Ebene, kein Hands-on-Code/Konfiguration
6) Welche Themen eignen sich?
Geeignete Themen haben gemeinsame Eigenschaften: realer betrieblicher Bedarf, klare Anforderungen, beherrschbarer Umfang, eigene Entscheidungs-Möglichkeiten. Untauglich sind reine „Schraub-Aufgaben" ohne Konzept-Anteil oder umgekehrt zu große Vorhaben.
FISIBackup-Lösung für Standort
Konzeption, Auswahl, Einrichtung, Test eines Backup-Systems für einen Server-Standort.
FISIMigration zu Microsoft 365
Konzept, Pilot, Migration der Mail- und Office-Services für eine Abteilung.
FISIMonitoring-System aufbauen
Anforderungen, Werkzeug-Auswahl (z. B. Zabbix), Einrichtung, Dashboards. Siehe Monitoring-Konzept.
FISIWLAN-Roll-out im Filialnetz
Bedarfs-Analyse, Hardware-Wahl, Standort-Vermessung, Rollout-Plan, Pilotierung.
FIAEWeb-Anwendung für internen Prozess
Anforderungs-Analyse, Entwurf, Implementierung, Test, Bereitstellung einer Web-App.
FIAEREST-API für ERP-Anbindung
Schnittstelle, OpenAPI-Spec, Auth-Konzept, Implementierung, Tests.
KIBTAnbieter-Auswahl ERP-System
Pflichtenheft, Marktanalyse, Anbietervergleich mit Nutzwertanalyse, Angebot.
KIBTBeschaffung neue Notebook-Flotte
Bedarfs-Analyse, Anforderungs-Profil, Anbieter-Vergleich, Wirtschaftlichkeits-Rechnung, Beschaffung.
7) Was eignet sich nicht?
- Ein-Stunden-Aufgabe. „Neuen Drucker installieren" füllt keine 35 Stunden und hat keinen Konzept-Anteil.
- Halbjahres-Projekt. „Komplette ERP-Migration der Firma" sprengt jeden Rahmen – Risiko, dass es nicht bis zur Abgabe steht.
- Fremder Anteil. Du beobachtest nur zu, während ein erfahrener Kollege arbeitet. Du brauchst eigene Entscheidungen.
- Reines Reparieren. „Hardware-Defekt beheben" – keine Konzeption, kein Auftrags-Charakter.
- Hobby-Projekt. Etwas, das du privat machst, aber keinen betrieblichen Auftrag hat.
- Klassische Klausur-Aufgabe. „Ich erkläre den OSI-Layer." Das ist kein Projekt, sondern eine Hausarbeit.
- Geheimes Projekt. Du darfst es nicht offenlegen (z. B. Defense, Bank-Trojaner-Erkennung) – schlechte Bewertbarkeit.
8) Rollen im Verfahren
| Rolle | Aufgabe |
|---|---|
| Du selbst – Prüfungsteilnehmer:in | Antrag stellen, Projekt durchführen, dokumentieren, präsentieren, im Fachgespräch verteidigen |
| Ausbilder:in / Ausbildungs-Beauftragter | Genehmigt Projektthema im Betrieb, unterschreibt Antrag, unterstützt bei Frage-Stunden – greift aber nicht aktiv in die Arbeit ein |
| Auftraggeber:in (im Projekt) | Real existierender oder repräsentativer Auftraggeber (Kunde, andere Abteilung) – schafft Anforderungen |
| IHK-Prüfungsausschuss | 3-5 ehrenamtliche Prüfer:innen (Arbeitgeber-, Arbeitnehmer-Vertretung, Lehrkraft). Sie bewerten Antrag, Doku, Präsentation, Fachgespräch. |
| IHK-Geschäftsstelle | Organisiert das Verfahren, sammelt Anträge ein, vergibt Prüfungs-Termine, stellt formale Vorgaben bereit |
9) Häufige Missverständnisse
- „Hauptsache es funktioniert." Falsch. Auch ein halb-funktionierendes Projekt kann gut bewertet werden, wenn die Methodik und Dokumentation stimmen – und ein blendend funktionierendes scheitert an einer chaotischen Doku.
- „Wir machen das eh in echt – also schreib ich es einfach hinterher auf." Risiko: du dokumentierst Entscheidungen, an die du dich nicht mehr erinnerst. Lösung: parallel dokumentieren.
- „Mein Ausbilder schreibt das schon mit." Nein. Die Doku muss selbst erstellt werden. Ausbilder hilft bei Fragen, schreibt aber nichts.
- „Wirtschaftlichkeit ist nur für KIBT wichtig." Falsch. Auch FISI-Projekte verlangen wirtschaftliche Überlegungen (Make-or-Buy, Cloud vs. On-Prem, ROI).
- „Ich brauche nur einen Theorie-Teil." Falsch. IHK-Projekt = praktisches Projekt. Reine Theorie-Arbeiten werden zurückgewiesen.
- „Quellen sind übertrieben." Falsch. Saubere Zitate und Quellen-Verzeichnis gehören zu jeder seriösen Arbeit.
- „Wenn's nicht in 35h fertig wird, lasse ich es weg." Falsch. Du dokumentierst auch Abweichungen und nicht erreichte Ziele – das wird positiv gewertet, wenn ehrlich reflektiert.
10) Antipatterns & Stolperfallen
- Verspäteter Antrag. Frist verpasst → kein Projekt, kein Abschluss in diesem Termin. Lösung: Stichtag im Kalender markieren, 4 Wochen vorher Antrag fertig haben.
- Falsche Themen-Wahl. Zu klein, zu groß, kein eigener Entscheidungs-Spielraum. Lösung: Themen-Liste der IHK ansehen, mit Ausbilder besprechen.
- Doku am Ende. Erst alles bauen, dann zusammenhängend dokumentieren – Erinnerung fehlt, Anhänge unvollständig. Lösung: Projekt-Tagebuch ab Tag 1.
- Tools statt Lösung. „Ich nutze Ansible" – Ansible ist Mittel, nicht Zweck. Lösung: vom Kundenbedarf rückwärts denken.
- Keine Reflexion. Doku endet bei „Ergebnis liefert". Lösung: Lessons Learned, Verbesserungs-Ideen, Ausblick gehören dazu.
- Wirtschaftlichkeit als Pflicht-Übung. 3 Zeilen Make-or-Buy ohne Zahlen. Lösung: echte Kalkulation, ROI, TCO.
- Sprache zu locker / zu hochtrabend. „Wir haben dann mal so'n Server hingestellt" oder „Im Rahmen ontologischer Konzeption…". Lösung: nüchtern-fachlich.
- Anhänge fehlen. Skripte, Screenshots, Konfigurationen müssen im Anhang dokumentiert sein. Sonst nicht nachvollziehbar.
- Geheimhaltung als Ausrede. Vieles lässt sich anonymisieren (Firmennamen, IPs, User). Pauschal „darf ich nicht zeigen" kostet Punkte.
- Eigene Leistung unklar. Bei Team-Projekten muss klar werden, was DEINE Leistung war. Lösung: explizit abgrenzen.
Zusammenfassung
Die IHK-Projektdokumentation ist ein schriftlicher Bericht über ein selbstständig durchgeführtes betriebliches Projekt – Teil der AP2 in allen IT-Ausbildungs-Berufen. Du beantragst sie ca. 6 Monate vorher, führst sie in 35-40 Stunden durch, dokumentierst auf 10-15 Seiten und präsentierst sie im Anschluss (15 Min + 15 Min Fachgespräch). Bewertet wird mehrdimensional: fachliche Lösung, Methodik, Doku-Qualität, Wirtschaftlichkeit und Reflexion. FISI/FIAE fokussieren auf technische Umsetzung, KIBT auf Auftrags-/Beratungs-Abwicklung. Größter Anfänger-Fehler: nur Technik, keine Methodik und Reflexion. Wichtig: geeignete Themenwahl (realer Bedarf, eigene Entscheidungen, 35h Umfang), paralleles Dokumentieren, klare Sprache und vollständige Anhänge.
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