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- ITIL & Service Management10
- 1.1Was ist ITIL? Geschichte, Versionen und Zweck
- 1.2ITIL 4: Das Service Value System (SVS)
- 1.3Service Value Chain
- 1.4ITIL-Grundprinzipien
- 1.5Service Level Management und SLA
- 1.6CMDB – Configuration Management Database
- 1.7Service Desk: Aufgaben, Typen und Werkzeuge
- 1.8Continual Improvement
- 1.9Ticketsysteme in der Praxis: JIRA, Freshservice, OTRS
- 1.10Aufgaben ITIL
Incident Management
Ein Incident ist nach ITIL-Definition jede ungeplante Unterbrechung oder Qualitätsminderung eines IT-Service. „Mein Mail geht nicht" ist ein Incident. „Der Drucker druckt langsam" ist ein Incident. „Das CRM lädt 30 Sekunden statt 2 Sekunden" ist auch ein Incident – obwohl es noch läuft. Das zentrale Ziel des Incident Management ist klar: den normalen Service so schnell wie möglich wiederherstellen. Nicht die Ursache klären (das ist Problem Management), nicht die Struktur ändern (das ist Change Management) – einfach das Geschäft am Laufen halten. Diese Lektion zeigt dir den ITIL-konformen Incident-Prozess von der Erfassung bis zur Schließung, was einen Incident von einem Service Request unterscheidet und wie der Sonderfall „Major Incident" gehandhabt wird.
1) Was zählt als Incident – und was nicht
Beim Service Desk landen alle Arten von Anliegen. Nicht jedes davon ist ein Incident. Die wichtige Unterscheidung:
🚨 Incident
Ungeplante Service-Störung oder Qualitätsverlust.
- „Mail-Server ist nicht erreichbar"
- „CRM antwortet extrem langsam"
- „Druckqueue ist hängengeblieben"
- „VPN bricht sporadisch ab"
Ziel: Service wiederherstellen
📋 Service Request
Geplante Standard-Anforderung des Anwenders.
- „Bitte neue Mailbox anlegen"
- „Software X installieren"
- „Zugriff auf Ordner Y bitte freigeben"
- „Passwort zurücksetzen"
Ziel: Standard-Leistung erbringen
Tipp: ein Test in Worten – „Etwas, was funktionieren sollte, funktioniert nicht" = Incident. „Etwas, was es noch nicht gibt, soll bereitgestellt werden" = Service Request. ITIL nennt sie unterschiedliche Practices: Incident Management und Service Request Management. Tools wie JIRA Service Management oder ServiceNow trennen das auch auf Ticket-Typ-Ebene.
2) Der Incident-Prozess in 7 Schritten
Klick die Prozessschritte an, um die Details zu sehen:
3) Was bei jedem Incident erfasst wird
Ein Ticket lebt von guten Daten. Pflicht-Felder, die beim Anlegen erfasst werden sollten:
| Feld | Bedeutung |
|---|---|
| Betreff | Kurze Beschreibung – „Mailclient verbindet nicht zum Exchange" |
| Beschreibung | Detail: Was funktioniert nicht? Welche Schritte hat User probiert? |
| Kategorie | Hardware / Netzwerk / Anwendung / Mail / Drucker / ... |
| Affected User / Affected Service | Wer ist betroffen, welcher Service? |
| Affected CI | Verlinkung zur CMDB – konkrete Maschine, Software, Gerät |
| Impact | Wie viele User / wie viel Geschäft ist betroffen? |
| Urgency | Wie schnell muss reagiert werden? (oft = Impact, aber nicht immer) |
| Priority | Aus Impact × Urgency – legt SLA-Frist fest |
| Erfasser / Reporter | Wer hat gemeldet? Für Rückfragen. |
| Assignee | Wer bearbeitet aktuell? |
4) Major Incident – der Sonderfall
Ein Major Incident ist ein Incident mit besonders hoher Auswirkung oder besonders hoher Dringlichkeit – meist Prio 1. Beispiele: das Bestellsystem im E-Commerce ist down, der DC kommt nicht hoch, ein Cyberangriff läuft, das Telefonsystem schweigt. Hier reicht der Normal-Prozess nicht – es braucht eine eigene Eskalationsroutine:
5) Workaround vs. Lösung
Wichtige Unterscheidung, die in Prüfungen gerne gefragt wird:
- Workaround: kurzfristige Behebung, die den Service wiederherstellt, ohne die Ursache zu beheben. Beispiel: „Print-Spooler-Dienst neu starten" – druckt wieder, das eigentliche Problem (warum hängt der Dienst sich auf?) bleibt offen.
- Lösung / Fix: die Ursache wird beseitigt. Beispiel: Firmware-Update des Druckertreibers, das den Bug behebt.
Incident Management hat die Wiederherstellung als Ziel – ein Workaround reicht zunächst völlig. Die nachhaltige Lösung ist Sache von Problem Management. Trennung der Practices wichtig: Incident Manager schließt das Ticket, wenn der Workaround funktioniert. Parallel öffnet Problem Management einen eigenen Vorgang.
6) KPIs im Incident Management
| KPI | Bedeutung |
|---|---|
| Anzahl Incidents | pro Zeitraum, pro Service – Trends erkennen |
| Mean Time to Acknowledge (MTTA) | Zeit von Eröffnung bis erstmaligem Bearbeitungs-Start |
| Mean Time to Resolve (MTTR) | Zeit von Eröffnung bis Lösung – siehe MTBF/MTTR |
| First Contact Resolution | Anteil im 1st Level abgeschlossener Tickets |
| SLA-Erfüllungsrate | Anteil Tickets innerhalb der SLA-Frist gelöst |
| Anzahl Major Incidents | Wichtige Risiko-Kennzahl; Zielwert pro Monat klein |
| Reopen-Rate | Anteil vorzeitig geschlossener Tickets – Qualitätsindikator |
| CSAT nach Ticket | Bewertung durch User – schließt den Kreis |
7) Häufige Stolperfallen
- Diagnose statt Wiederherstellung. Ein Agent versucht, die Ursache zu finden, obwohl ein bekannter Workaround existiert. „Wiederherstellen jetzt, Verstehen später."
- SLA-Pause-Spielereien. Tickets werden vorschnell auf „Warten auf User" gesetzt, um die SLA-Uhr anzuhalten. Statistisch sieht alles gut aus, real wartet der Anwender. Lösung: Pause-Status auditieren.
- Ticket-Manipulation. Schließen ohne Rücksprache mit User. Lösung: Auto-Resolve mit Mail-Bestätigung („wenn keine Reaktion in 3 Tagen, wird geschlossen").
- Kein Wissens-Transfer. Identische Incidents tauchen wieder und wieder auf, weil niemand sie in die KEDB einträgt. Lösung: Pflicht-Feld „Workaround beschreiben" beim Schließen.
- Schweigen während eines Major Incidents. Techniker reparieren, niemand kommuniziert – Anwender ruft alle 5 Minuten an, blockiert die Bridge. Lösung: dedizierter Kommunikator.
Zusammenfassung
Incident Management ist die ITIL-Practice mit dem klarsten Auftrag: ungeplante Service-Störungen so schnell wie möglich beheben. Ein Incident ist eine Service-Unterbrechung; ein Service Request ist eine geplante Anwender-Anforderung – das sind verschiedene Practices. Prozessschritte: Identifizierung → Erfassung → Kategorisierung → Priorisierung → Diagnose → Lösung/Recovery → Schließung. Wichtige Daten pro Ticket: Affected User/Service/CI, Impact, Urgency, Priority. Major Incident als Sonderfall mit Major Incident Manager, War Room/Bridge-Call, häufiger Statuskommunikation und Post-Mortem-Pflicht. Unterschied Workaround (Symptom-Beseitigung) vs. Lösung (Ursache beseitigen) – Incident Management reicht der Workaround, die Ursache ist Sache von Problem Management. KPIs: MTTA, MTTR, FCR, SLA-Erfüllungsrate, Reopen-Rate, CSAT.
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