- 1 Section
- 11 Lessons
- unbegrenzt
- Routing12
- 1.1Einführung in Routing
- 1.2IP-Weiterleitung (Forwarding)
- 1.3Das Prinzip statischer Routen
- 1.4Default Route („Gateway of Last Resort“)
- 1.5Dynamisches Routing
- 1.6Distance-Vector-Routing – Router, die Geschichten erzählen
- 1.7Link-State-Protokolle (z. B. OSPF)
- 1.8Aufbau einer Routingtabelle im Detail
- 1.9Routing-Fehler erkennen und beheben
- 1.10Routing12 Questions
- 1.11Aufgaben
- 1.12Lösungen
Aufbau einer Routingtabelle im Detail
Eine Routingtabelle ist das Herz jedes Routers.
Sie enthält alle bekannten Wege zu entfernten Netzen und bestimmt, welches Ziel über welchen nächsten Hop erreichbar ist.
Wenn du sie verstehst, verstehst du das Routing selbst.
1. Was ist eine Routingtabelle?
Man kann sie sich wie ein Adressverzeichnis vorstellen:
Jeder Eintrag beschreibt, wohin ein Paket geschickt werden muss, wenn seine Ziel-IP in ein bestimmtes Netz fällt.
Jeder Router führt diese Tabelle im Arbeitsspeicher.
Sie wird ständig aktualisiert – durch direkt verbundene Netze, statische Einträge oder dynamische Protokolle (wie RIP oder OSPF).
Ein typischer Eintrag enthält mindestens:
| Feld | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| Zielnetz / Präfix | Für welche Adressen dieser Eintrag gilt | 192.168.30.0/24 |
| Next Hop | IP-Adresse des nächsten Routers auf dem Weg | 10.0.0.2 |
| Ausgangs-Interface | über welche Schnittstelle das Paket gesendet wird | eth0 |
| Metrik / Kosten | Qualitätsbewertung des Weges (kleiner = besser) | 2 |
| Quelle / Typ | woher der Eintrag stammt (connected, static, dynamic) | OSPF |
2. Wie entstehen die Einträge?
Router lernen Routen aus mehreren Quellen – in einer festen Reihenfolge:
| Quelle | Beschreibung | Beispiel | Administrative Distance |
|---|---|---|---|
| Connected | automatisch für direkt angeschlossene Netze | R1 kennt 192.168.10.0/24, weil Interface up ist | 0 |
| Static | manuell konfiguriert | ip route 192.168.30.0/24 10.0.0.2 | 1 |
| Dynamic (z. B. OSPF, RIP) | automatisch gelernt über Routing-Protokolle | OSPF-Route via R2 | 110 (OSPF) / 120 (RIP) |
| Default-Route | „Gateway of Last Resort“ – Fallback für alles andere | 0.0.0.0/0 via 203.0.113.1 | 1–120, je nach Quelle |
Wenn mehrere Einträge dasselbe Ziel abdecken, entscheidet zuerst die Administrative Distance (AD),
also, welcher Quelle der Router am meisten vertraut.
Nur die Route mit der niedrigsten AD bleibt aktiv.
3. Der Lookup-Prozess: Wie ein Router entscheidet
Wenn ein Datenpaket ankommt, prüft der Router Schritt für Schritt:
Ziel-IP aus dem Paket lesen
Längstes Präfix Matching – der genaueste Eintrag gewinnt
Wenn mehrere Routen mit gleichem Präfix existieren → niedrigste AD
Wenn gleiche AD, aber verschiedene Metriken → kleinste Metrik
Wenn alles gleich → eventuell Load-Balancing (ECMP)
4. Beispiel aus dem NetzWeise-Szenario
| Zielnetz | Next Hop | Interface | Typ | AD | Metrik |
|---|---|---|---|---|---|
| 192.168.10.0/24 | – | LAN A | Connected | 0 | 0 |
| 192.168.20.0/24 | – | LAN B | Connected | 0 | 0 |
| 192.168.30.0/24 | 10.0.0.2 (R2) | WAN | RIP | 120 | 1 |
| 0.0.0.0/0 | 203.0.113.1 (ISP) | WAN | Static | 1 | 1 |
Wenn ein PC aus dem Büro ein Paket an 192.168.30.15 sendet,
findet der Router den Eintrag mit dem längsten passenden Präfix: 192.168.30.0/24.
Er erkennt: „Das Ziel liegt im Netz 30, Next Hop = 10.0.0.2 über WAN.“
Das Paket wird an R2 weitergeleitet.
Kommt dagegen ein Paket an 8.8.8.8,
greift kein spezifischer Eintrag → der Router nutzt die Default-Route zum Internet.
flowchart TD
A[Empfange Paket: Ziel IP 8.8.8.8] --> B[Suche genaues Präfix]
B -->|keins gefunden| C[Prüfe nächstgrößere Netze]
C -->|keins gefunden| D[Verwende Default-Route 0.0.0.0/0]
D --> E[Next Hop: 203.0.113.1]
E --> F[Sende über Interface WAN]
F --> G[Eintrag in Routingtabelle bestätigt]
6. Prioritäten: Wer gewinnt bei mehreren Quellen?
Wenn derselbe Netzpfad aus unterschiedlichen Quellen existiert,
entscheidet zuerst die Administrative Distance:
| Typ | AD | Vertrauen |
|---|---|---|
| Connected | 0 | am höchsten |
| Static | 1 | sehr hoch |
| eBGP | 20 | externes Routing |
| OSPF | 110 | intern, zuverlässig |
| RIP | 120 | einfach, aber schwächer |
| Unbekannt | 255 | ungültig (nie genutzt) |
Ein Router folgt also zuerst seiner eigenen Erfahrung (connected),
dann den manuell gesetzten Pfaden (static)
und zuletzt dynamischen Protokollen – je nach Vertrauensstufe.
7. Wie Konflikte aussehen können
Angenommen, R1 lernt über RIP die Route 192.168.30.0/24 via 10.0.0.2
und gleichzeitig besteht eine statische Route auf dasselbe Ziel.
Dann gilt:
Static (AD=1) gewinnt gegenüber RIP (AD=120)
→ Der dynamische Eintrag bleibt zwar sichtbar, wird aber als „candidate / not active“ markiert.
8. So kann man das prüfen (CLI-Beispiel)
# Linux
ip route show
# Cisco IOS
show ip route
Beispielausgabe (verkürzt):
Gateway of last resort is 203.0.113.1 to network 0.0.0.0
C 192.168.10.0/24 is directly connected, LAN-A
C 192.168.20.0/24 is directly connected, LAN-B
R 192.168.30.0/24 [120/1] via 10.0.0.2, WAN
S* 0.0.0.0/0 [1/0] via 203.0.113.1, WAN
Legende:
C = Connected R = RIP S* = Static (Default)
9. Kurz & knapp – Entscheidungslogik
1. Prüfe, ob Ziel in Connected-Netz liegt → direkt senden
2. Sonst suche längstes Match in Routingtabelle
3. Gleiche Ziele? → niedrigste AD gewinnt
4. Gleiche AD? → niedrigste Metrik
5. Kein Treffer? → Default-Route verwenden
10. Zusammenfassung
Eine Routingtabelle ist kein statisches Dokument, sondern ein lebendiges Abbild des Netzwerks.
Sie entsteht aus verschiedenen Quellen, bewertet diese nach Vertrauen und entscheidet bei jedem Paket individuell, welcher Weg der beste ist.
Nur wer die Prioritäten und den Lookup-Prozess versteht, kann Fehler gezielt finden und Routen logisch planen.
Merksatz:
Ein Router denkt nicht, er vergleicht nur –
aber er tut das sehr schnell und immer nach festen Regeln.
